Der Raum hatte zwölf Tische. Deutschland saß immer wieder am falschen.
Der VDMA hat seinen KI-Praxistag als World Café organisiert — zwölf runde Tische, jeder mit einem Thema, einem Moderator und einer Frage, die sich nicht beruhigen ließ. Man wechselte. Man redete. Man hörte Menschen zu, die beruflich Dinge bauen und herausfinden wollen, wofür künstliche Intelligenz eigentlich da ist.
Die Tische deckten das volle Spektrum ab: KI im technischen Vertrieb, Governance, EU AI Act (mit Dr. Gorenflos, der Fragen von Unternehmen beantwortete, die noch immer nicht sicher sind, in welcher Risikostufe sie sich befinden), Agenten in der Produktion, Agenten im Backoffice beim Verbinden von ERP und Office, Edge-KI, physische KI, Souveränität, Strategie, Kultur, Weiterbildung. Eine vollständige Karte der Stellen, an denen die Branche die Fragen vermutet.
Dann gab es den Tisch, den die Veranstalter die „Wilde 13" nannten — den Pausentisch, an dem das vorbereitete Programm aufhörte und die Menschen sagten, was sie wirklich meinten. Die Fragen dort waren besser als alle offiziellen. Eine davon besonders: *„KI-Strategie — nicht 'wie schnell können wir adoptieren?', sondern: Wohin soll uns KI führen — und wie stellen wir sicher, dass KI unsere Strategie stärkt, statt sie zu ersetzen?"* Diese Frage hätte auf die Hauptbühne gehört.
Das ist, was ich mitgenommen habe.
**Der Optimierungsreflex**
Der deutsche Maschinenbau ist sehr gut darin, das zu verbessern, was er bereits hat. Das ist kein Fehler — es ist die gesamte Grundlage des Qualitätsvorteils des Mittelstands. Man iteriert. Man feilt. Man wird jedes Jahr drei Prozent besser und schlägt den Zinseszins. Das Problem ist, dass dieser Reflex, auf KI angewendet, fast ausschließlich Prozessoptimierung produziert: den vorhandenen Workflow nehmen, ein Modell hinzufügen, ein bisschen schneller ausführen. Bequem. Inkrementell. Ergibt bis Dienstag etwas Messbares.
Derselbe Reflex ist ein Grund dafür, dass China und die USA Fähigkeiten aufbauen, die Deutschland noch nicht hat. Nicht weil die dortigen Ingenieure klüger wären, sondern weil sie bereitwilliger akzeptieren, dass manche Dinge von Grund auf neu gebaut werden müssen, statt von dort verbessert zu werden, wo man gerade steht. Ich sage das als jemand, der aus deutschem Ingenieurwesen gemacht ist, nicht als Außenstehender. Der Reflex ist verdient. Er ist im Moment auch eine Falle.
Prozessoptimierung per KI ist nicht falsch. Sie ist nur die falsche Schicht, um dort zuerst zu optimieren.
**Die Schicht, die es zu bauen gilt**
Die ehrliche Frage vom Pausentisch war eine zur Strategie — wohin führt das? Ich glaube, die Antwort fängt tiefer an, als die meisten Unternehmen erwarten: bei den Daten. Nicht „Datenstrategie" im Beratersinne. Bei der wirklich unspektakulären Vorfrage: *Was für Daten haben wir eigentlich — und woher kommen sie?*
Zuerst Transparenz. Bevor ein Agent irgendetwas Nützliches tun kann, muss jemand im Unternehmen diese Frage beantworten können, ohne zu raten. Das ist das Fundament. Es ist nicht aufregend. Es ist auch nicht optional.
Von dort läuft die Sequenz: eine Plattform, die diese Daten zuverlässig zugänglich macht — kein Datensee, in dem Dinge vergessen werden, sondern eine API-Oberfläche, der Anwendungen und Agenten vertrauen können; dann ein lesender Agent, der Empfehlungen geben kann — ein Mensch entscheidet; dann, wenn man das Recht auf Vertrauen in das System verdient hat, eine prädiktive Schicht mit Mensch in der Schleife, abgesichert durch eine Nachvollziehbarkeitskette.
Man kann sich nicht durch Optimierung zu einer Fähigkeit vorarbeiten, die man noch nicht hat. Ein schnellerer Workflow, der auf einer undurchsichtigen Datengeschichte aufbaut, bleibt undurchsichtig. Das neue Fundament steht nicht im Widerspruch zum Optimierungsinstinkt. Es ist das, was Optimierung wertvoll macht, statt sie nur beschäftigt zu halten.
**Die eigenen Erfolgsfaktoren des Raums**
Die auf der Konferenz genannten Erfolgsfaktoren für KI im produktiven Einsatz — Kontext und Verankerung, Zuverlässigkeit, feingranulare Berechtigungen, Mensch in der Schleife, Nachvollziehbarkeit, Leitplanken — sind keine Ziele. Sie sind eine Beschreibung des Mindestmaßes an Vertrauen. Ein Mensch entscheidet. Nur echte Zahlen. Ein Audit-Trail. Das sind keine Funktionen, die wir noch hinzufügen wollen. Das ist die Haltung, von der wir ausgegangen sind. Die Frage der Wilden 13 und die Zwölf-Tische-Agenda sind in diesem Sinne dasselbe Gespräch, das Apuna von Anfang an mit Kunden geführt hat.
Die Branche stellt genau die richtigen Fragen. Die Antworten sind bereits verfügbar. Was fehlt, ist nicht Erkenntnis — sondern der Wille, das Fundament zu bauen, statt um sein Fehlen herumzuoptimieren.
*Der VDMA-Praxistag KI im Maschinen- und Anlagenbau fand am 18. Juni 2026 in Frankfurt am Main statt, veranstaltet von VDMA Software & Digitalisierung.*